Die Berufung finden

Wie wir einen Beruf finden, der uns erfüllt - Interview mit Berufungscoach Jona Armborst

Christine | VISION SESSION | Die Vision führt uns an! - Der Podcast für visionäre Team- und Organisationsentwicklung

Berufung ist ein Thema, das uns in der Einzelberatung oder im Coaching begegnen kann. Wenn Coachees uns davon berichten, dass sie diese eine Tätigkeit finden wollen, die sie erfüllt. Und auch in New Work-Konzepten wird das Thema Berufung aufgegriffen. Aber gibt es sowas wie Berufung überhaupt? Und wie können wir mit Menschen in Beratung und Coaching daran arbeiten, der Berufung zu folgen?

 

Diese Fragen beantwortet uns Jona Armborst im Interview. Jona ist Berufungscoach und digitale Nomadin. In ihren Online-Coachings berät sie ihre Kund*innen darin, der eigenen Berufung auf die Spur zu kommen. Sie verrät uns, wie sie dabei vorgeht, wie sie zu ihrer Tätigkeit gekommen ist und warum es so wichtig ist, den Status Quo immer wieder zu hinterfragen.


Jona Armborst

Liebe Jona, erzähle uns einmal wer du bist und was du machst.

 

Jona: Ja, ich bin Jona Armborst. Ich nenne mich Berufungscoach. Normalerweise habe ich immer gesagt: Aus Berlin. Seit Februar bin ich aber digitale Nomadin und aktuell in Köln stationiert. Ich arbeite online vor allem mit Frauen daran, zu mehr Selbstliebe zu kommen. Und das, um im Beruf die eigenen Bedürfnisse zu leben.

 

Und um vielleicht noch die Frage zu beantworten, warum ich das geworden bin: Ich habe in meinem Leben selbst immer das Ziel gehabt, einen Job mit Sinn zu finden, der meiner Passion und meinen Talenten entspricht. Und das war ein sehr kurvenreicher Weg. 

 


Magst du uns einmal davon erzählen, wie dieser Weg war?

Jona: Ursprünglich habe ich eine Ausbildung zur Industriekauffrau gemacht. Ich wollte aber schon damals immer nach Berlin. Nach meiner Ausbildung habe ich mir zuerst einmal meinen ersten Traum erfüllt: Eine Weltreise. Und danach bin ich direkt nach Berlin gegangen. Da habe ich BWL studiert. Dazu muss ich sagen: Das hat nicht meiner Passion entsprochen. Und das habe ich dann auch zu spüren bekommen.

 

In den Möglichkeiten, die ich aber hatte, habe ich mir selbst Passion und Freude reingeholt. Ich habe zum Beispiel ein Praktikum bei der Berlinale gemacht und bin nach meinem Studium dann auch drei Jahre in Folge bei der Berlinale gewesen. In dieser Zeit habe ich junge Filmemacher darin unterstützt, ihren Weg zu gehen. Und genau da habe ich gemerkt: Das liegt mir total. Menschen in ihrer Passion zu begleiten.

 

Trotzdem gab es für mich noch ein paar Umwege. Das kennen vielleicht manche: Dann hat man diese Passion für ein Thema, aber andere Faktoren stimmen nicht. Bei mir war es das Thema Work-Life-Balance. Es gab gar keine Zeit für mich und für mein Privatleben. Ich habe mich dann entschieden, innerhalb des Eventbereichs in die Medien- und Digitalwelt zu wechseln. Dort habe ich dann das ganze Jahr über Veranstaltungen gemacht. Aber, das war dann noch viel schlimmer. Ich war nur noch mit Arbeit beschäftigt. 

 

Schlussendlich habe ich die Branche gewechselt. Zu einem digitalen Marktplatz, nach Etsy. Das war dann auf einmal der Himmel auf Erden. Meine Arbeit wurde total anerkannt. Ich hatte Zeit und Ruhe, um an Projekten zu arbeiten. Aber nach einem Jahr wurde ich betriebsbedingt gekündigt. Und dann stand ich da.

 

Ich hatte gerade nebenbei eine Coaching-Ausbildung absolviert. Das hat mir auch total viel Spaß gemacht. Und ich wusste, ich möchte den Weg weiter gehen. Ich habe mir dann selbst ein Coaching genommen. Und dabei hat sich dann herauskristallisiert: Worauf warte ich eigentlich noch? Alles, was ich machen will, ist ja in meinem Kopf. Warum sollte ich den Weg nicht gehen? Und dann hat alles seinen Lauf genommen und ich habe mich selbstständig gemacht.

 

Und würdest du sagen, lebst du deine Berufung heute?

Jona: Ja, kann man so sagen. Denn vieles, was schon immer in mir gesteckt hat, kommt in diesem Job zusammen. Die Arbeit mit Menschen. Die Arbeit mit Geschichten. Ich mochte es schon immer die Beweggründe von Menschen zu hinterfragen. Und das Schreiben findet jetzt auch viel mehr statt. Durch Posts und durch Blogbeiträge. Aber auch mal die unbequeme Fragestellerin zu sein. Das kommt da alles zusammen. Von daher würde ich schon sagen: Ja, ich lebe meine Berufung.

 

Wie würdest du denn Berufung definieren?

Jona: Berufung ist für mich eine Mischung aus Bedürfnissen, Werten und natürlich auch Fähigkeiten. Berufung hat ganz viel mit Intuition zu tun. Und damit, mit den eigenen Bedürfnissen in Kontakt zu sein. Und zwar in dem Sinne, dass ich mich frage: Was tut mir gut? Wie möchte ich arbeiten? Und was möchte ich hinterlassen? Denn wir haben nun mal diese bestimmte Lebenszeit hier auf dieser Erde. Und da entsteht natürlich die Frage: Was will ich in dieser Zeit erschaffen? Das sind die Fragen, die für mich in Bezug auf Berufung wichtig sind. Und in Berufung steckt ja auch der Ruf, dem wir folgen wollen. Und dieser Ruf ist für mich ein Dialog mit uns selbst.

 

Und gibt es die eine Berufung?

Jona: Ich bin der festen Überzeugung, Berufung ist nicht etwas Festgeschriebenes. Ich denke jetzt nicht, dass ich für immer Coach sein muss. Das ist etwas, was viele auch hemmt, wenn sie denken: Es kann nur diesen einen Job geben. Unsere Werte können sich ändern und auch die Art, wie wir unsere Arbeit auslegen und verstehen. Also muss ich mich immer wieder fragen: Passt das noch zu mir?

 

Was würdest du sagen braucht es, um die eigene Berufung leben zu können? 

Jona: Ja, bei der Berufung geht es auch darum, wie weit man bereit ist, den Status Quo infrage zu stellen. Also, in dem wir uns fragen: Wie glücklich bin ich gerade? Sollte ich nicht glücklicher sein? Und was kann ich dafür tun? Passt das, was ich zu geben habe auch zu dem, was gebraucht wird? Und dann spielt für mich auch noch das Thema Visionen hinein. Wie möchte ich leben? Wo sehe ich mich in 5, in 10 und in 20 Jahren? 

 

Gleichzeitig muss Berufung aber nicht bedeuten, dass wir von heute auf morgen alles niedermetzeln, was wir die letzten Jahre gemacht und aufgebaut haben. Es geht für mich also eher darum zu schauen, welche Stellschrauben gedreht werden können. Welche Unterstützung wir aus unserem Umfeld bekommen können, um unserer Berufung näher zu kommen. Und wie wir Neues erst einmal im Kleinen ausprobieren können.

 

Wie arbeitest du denn mit deinen Coachees? Zum Beispiel mit jemandem, der seine Berufung leben möchte und sich noch nicht traut?

Jona: Ich würde mit diesem Coachee herausfinden, welche Widerstände da eigentlich aufkommen. Diese Widerstände haben sehr häufig mit limitierenden Glaubenssätzen zu tun. Und dazu würde ich den Coachee fragen: Was verstehst du unter Arbeit? Wie ist Arbeit für dich geprägt? Und natürlich sind unsere Eltern die ersten, die uns prägen. Ob wir das wollen oder nicht.

 

Wenn ich denke, dass Arbeit in einer gewissen Form zu sein hat, dann gehe ich nicht los und mache mich beispielsweise selbstständig mit dem, was ich eigentlich machen will. Dann traue ich mich nicht. Dann erzähle ich mir selbst, dass es eh zum Scheitern verurteilt ist. Und da wird es unglaublich wichtig zu schauen: Welche Story erzählen wir uns eigentlich selbst immer und immer wieder. Und ist die eigentlich wahr? Und wie könnten wir die noch erzählen? 

 

Und es ist wichtig zu schauen, ob ich mir selbst ein guter Freund oder eine gute Freundin bin. Denn schlussendlich ist unser Job nur ein Symptom. Also davon, wie wir mit uns selbst umgehen. Damit meine ich: Wenn du eine Situation hast, die dir im Job immer wieder begegnet - sei es, dass du überfordert bist oder immer wieder einen stressigen Vorgesetzten hast -, der gemeinsame Nenner bist du selbst! Also schade! Das bedeutet, dass du dich mit dir selbst auseinandersetzen musst. Ich verstehe das nicht als Bürde, sondern als eine Einladung.

 

In dein Coaching fließt ja auch das Konzept The Work von Byron Katie mit ein. Wie nutzt du das in deinen Sitzungen?

Jona: Ja, dieser Ansatz hat auch ganz viel mit Glaubenssätzen zu tun. Ich habe selbst zwei Weiterbildungen dazu gemacht und habe für mich dabei festgestellt, wie spannend dieses Vorgehen ist. Man fragt sich zu einem Glaubenssatz, den man erkannt hat: Ist das wahr? Und dann spürt man in sich hinein, ob dieser Glaubenssatz wahr sein kann. Und die nächste Frage prüft das noch einmal: Ist das wirklich wahr?

 

In einem nächsten Schritt fragen wir dann: Was passiert, wenn ich diesen Gedanken denke? Also, was fühle ich dann und wie verhalte ich mich. Und die vierte Frage ist: Was wäre, wenn ich diesen Gedanke nicht denken könnte? Diese Fragen lassen sich natürlich sehr gut für das Thema Arbeit nutzen. Meine Klientinnen frage ich häufig auch noch, wer diese Glaubenssätze eigentlich denkt. Also, von wem sie kommen. Wer hat sie dir erzählt? Und ist diese Person, die dir das mal erzählt hat, eigentlich ein Vorbild für dich? Zum Beispiel auch für deine berufliche Erfüllung? Es hilft dann, sich positive Vorbilder für das zu suchen, was man machen will. 

 

Wenn du das jetzt so erzählst, fällt mir auf, dass da ganz schön viel Arbeit drin steckt, um die eigene Berufung leben zu können. Was meinst du? 

Jona: Total! Weil ich glaube, es funktioniert nicht, wenn wir nicht an unseren Limitierungen und Ängsten arbeiten. Und an den Punkten, an denen wir unzufrieden sind. Und jetzt hätten wir dann gerne unsere Berufung. Das wird nicht funktionieren. Dazu gibt es ein Zitat von E. E. Cummings, das ich sehr treffend finde: It takes courage to grow up and become who you really are. 

 

Dabei stellt sich für mich auch die Frage, was wir uns vielleicht auch uns selbst wert sind, um uns zu erlauben, unserer Berufung zu folgen. 

Jona: Ja, wie viel bin ich mir wert! Genau das ist es. Ein kleine Geschichte dazu: Ich war vor ein paar Wochen in Holland zu einer Workation. Und da habe ich ein Foto gepostet vom Stand. Und dann hat mir ein guter Freund geschrieben: Du hast ein Leben! Man muss dazu wissen, er ist angestellt. Seine Nachricht hat mich kurz getriggert. Und dann habe ich so gedacht: Ja das stimmt. Aber, ich habe auch was dafür getan. Also, es hat mich auch was gekostet. Viel spannender fand ich aber noch die andere Lesart, nämlich: Du hast EIN Leben! Und das bedeutet: Ja, du nämlich auch. Und machst du gerade das, was deinem EINEN Leben eigentlich entspricht? 


Jona Armborst
Foto: Volker Pilz Photography

Jona Armborst

ist Berufungscoach und digitale Nomadin. Sie begleitet im Online-Coaching und in Online-Kursen Menschen darin, ihre Bedürfnisse, Werte und Fähigkeiten wahr- und ernst zu nehmen, um der eigenen Berufung zu folgen. Weitere Informationen zu Jona findest du auf ihrer Homepage: www.perlentauchen.net und auf ihrem Instagram-Kanal unter @jonaarmborst

 

 




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