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New Work in der Praxis

Wie du Konzepte Neuer Arbeit in deine Coaching-Praxis integrierst

Christine | VISION SESSION | Die Vision führt uns an! - Der Podcast für visionäre Team- und Organisationsentwicklung


New Work

 

New Work gilt als DAS Schlagwort, wenn es um die Zukunft unserer Arbeit geht.

 

Es wird in Verbindung gebracht mit der zunehmenden Digitalisierung und Automatisierung, mit dem Verflüssigen von Hierarchien, mit Mitbestimmung und Selbstorganisation in Teams und Organisationen.

 

Doch, was ist dran am Trend? Und sollten wir als Coach*innen, Trainer*innen und Berater*innen darauf reagieren? 

 

Warum wir an New Work wohl auch in Zukunft kaum vorbei kommen werden und wie du Konzepte Neuer Arbeit auch in deine Coaching-Praxis integrieren kannst (wenn du denn magst), erfährst du in der heutigen Podcast-Folge. 

 


Arbeit und Wohlbefinden

Arbeit und Wohlbefinden stehen in einem direkten Zusammenhang. Wenn du mal so schaust: Wie viele Menschen begleitest du in deiner Praxis, die davon erzählen, dass sie mit ihrer Arbeit unzufrieden sind? Oder die von körperlichen Beschwerden sprechen, die in Zusammenhang mit Arbeit auftauchen? 

 

Mir begegnen Unzufriedenheit und Unwohlsein im Kontext von Arbeit recht häufig. Dann zum Beispiel, wenn Führungskräfte mit mir im Coaching erarbeiten wollen, wie sie die letzten Jahre bis zur Rente noch durchhalten können. Die nach Strategien suchen, um auch noch die letzten Jahre arbeitsfähig zu bleiben. 

 

Mir begegnen aber auch immer mal wieder Führungskräfte, die bereits einen Burnout erlebt haben und bemerken, dass die Symptome zurückkehren. Im Coaching wollen sie dann herausfinden, welche Ressourcen sie noch nutzen können, um Arbeit als weniger belastend zu empfinden. Diese Erfahrungen aus der Coaching-Praxis decken sich mit den Ergebnissen verschiedener Studien. 

 

Statistik Gesundheitliche Beschwerden in Zusammenhang mit Arbeit

So zeigt beispielsweise der Fehlzeiten-Report der AOK aus dem Jahr 2018, dass 45 Prozent der befragten Mitarbeitenden unter Erschöpfung leiden. Fast jeder Dritte berichtet von Schlafstörungen, knapp 30 Prozent fühlen sich ausgebrannt. (Vgl. Badura et al. 2018) Im Gesundheitsreport der Techniker Krankenkasse aus dem Jahr 2020 ist wiederum zu entnehmen, dass 19 Prozent aller Fehlzeiten auf psychische Erkrankungen zurückzuführen sind. Psychische Erkrankungen bilden damit die häufigste Ursache für Fehlzeiten, noch vor Rückenbeschwerden oder Erkältungen. (Vgl. Techniker Krankenkasse 2020) Dass die Häufigkeit psychischer Erkrankungen konstant angestiegen ist, vermerkt auch die AOK. Die Fehltage aufgrund psychischer Erkrankungen stiegen in den Jahren 2007 bis 2017 um ganze 67,5 Prozent. (Vgl. Badura et al. 2018)

 

Die Gründe für diese steigenden Zahlen liegen vor allem in der zunehmenden Belastung. Arbeit weitete sich in den letzten Jahrzehnten immer weiter aus und macht auch vor unserem Privatleben nicht halt. Durch digitale Tools sind wir in der Lage zu jeder Zeit zu arbeiten. Auch dann, wenn eigentlich schon Feierabend sein sollte. Und wir können heute von überall aus arbeiten. Im Café genauso wie auf der Parkbank. Noch dazu verändern sich unsere Tätigkeiten. Wir bleiben nicht bei einem einheitlichen Berufsbild, sondern wechseln die Stelle oder die Anforderungen verändern sich.

 

Markus Väth spricht in diesem Zusammenhang auch von Entgrenzungserscheinungen der Arbeit (vgl. Väth 2016). Sie scheint keine Grenzen mehr zu haben. Arbeit ist zum Dreh- und Angelpunkt unseres Lebens geworden. Und das hat Auswirkungen auf uns und auf unser Wohlergehen. 

New Work - Ein Konzept Neuer Arbeit

Damit sind wir auch schon eingetaucht in das Thema New Work. Als Vordenker und Erfinder des Konzeptes Neuer Arbeit gilt Fritjhof Bergmann. Bergmann ist Sozialphilosoph. Lange Zeit war er der Frage nachgegangen, was den Menschen eigentlich frei macht. Um hierauf eine Antwort zu finden, hat er viele Interviews mit Arbeitnehmer*innen geführt. Sein Fazit: Nichts macht den Menschen unfreier als Arbeit! 

 

Arbeit wurde von den Menschen, mit denen er ins Gespräch kam, wie eine Art Krankheit beschrieben. Eine Krankheit, die man bestmöglich aushält. In seinem Buch Neue Arbeit, neue Kultur schreibt Bergmann: 

 

"Sie [die Arbeit] ist keine bedrohliche Krise, nichts Ernstes wie Krebs oder Hepatitis [...], sondern wie eine leichte Erkältung. Und die ist in zwei Tagen vorbei, genauso wie am Mittwoch die Arbeitswoche in zwei Tagen vorüber ist. Unser Job ist also wie eine Erkältung. Man hat gelernt, dass das Leben nicht immer angenehm ist, und man wird es durchstehen. Es lässt sich nichts daran ändern, man kann nur stillhalten, bis man auf der anderen Seite angekommen ist." (Bergmann 2004, S. 96)

 

Aufgrund seiner Befragungen kam Bergmann zu dem Schluss, dass Arbeit neu gedacht werden müsse. Und zwar so, dass sie den Menschen fördert. Dass sie ihn beispielsweise Energie schenkt und ihm diese nicht raubt. Und so, dass sie ihn gesund hält. Bergmann spricht in seinem New Work-Konzept daher von einer Arbeit, die der Mensch wirklich, wirklich will.

 

Wenn wir hier genauer hinsehen, dann wird ersichtlich, dass New Work eine Umkehrung vornimmt. Unser gesellschaftliches Verständnis von Arbeit ist bisher so geprägt, dass wir uns dieser anpassen. Und wenn uns das nicht gelingt, dann suchen wir nach Strategien und verborgenen Ressourcen, die wir noch aktivieren können, um diese Anpassung zu erreichen. 

 

New Work kehrt diese Anpassung um. In den Konzepten Neuer Arbeit geht es gerade nicht mehr darum, den Menschen an vorgegebene organisationale Strukturen, Prozesse oder Bedingungen anzupassen. New Work fragt stattdessen danach, wie Prozesse Strukturen und Bedingungen so verändert werden können, dass sie die Grundbedürfnisse des Menschen fördern. Der Mensch wird mit all seinen psychischen Grundbedürfnissen ins Zentrum gerückt. Und von dort aus - vom Menschen aus - wird Arbeit neu gedacht. 

 

Die zentrale Frage Neuer Arbeit lautet: Wie kann Arbeit den Menschen mit all seinen psychischen Bedürfnissen fördern? Genau hierin liegt die Umkehrung unseres ursprünglichen Verständnisses von Arbeit.

Psychische Grundbedürfnisse des Menschen

Eine wichtige Frage steckt an dieser Stelle natürlich mit drin. Und zwar: Was sind denn eigentlich diese psychischen Grundbedürfnisse des Menschen, die da so berücksichtigt werden sollen? 

 

Hier lohnt sich ein Blick in die Literatur aus dem Feld der Psychologie. Das Bedürfnis nach Selbstbestimmung und Mitgestaltung zählt zum Beispiel dazu. Selbstorganisation und Partizipation fallen hier ins Gewicht, genauso wie das Bedürfnis nach Selbstverwirklichung. Eigene Kompetenzen und Fähigkeiten nutzen zu können. Weiter wird auch das Bedürfnis nach Sinnerleben stark gemacht. Die Tätigkeit, die wir ausführen, soll für uns sinnhaft sein. Und nicht zuletzt besteht auch das Bedürfnis nach Vereinbarkeit. Arbeit und Leben sollen gut zusammenpassen. 

 

Dass diese Bedürfnisse für den Menschen im Kontext von Arbeit eine wichtige Rolle spielen, lässt sich übrigens auch durch verschiedene Studien und Untersuchungen nachweisen. 

Statistik Erwünschte Berufsmerkmale

Wie beispielsweise auch im Fehlzeiten-Report der AOK aus dem Jahr 2018. Die befragten Arbeitsnehmer*innen konnten hier angeben, welche Berufsmerkmale sie sich wünschen. Rund 94 Prozent wünschten sich sichere und gesunde Arbeitsbedingungen. 93 Prozent gaben an, etwas Sinnvolles tun zu wollen. 90 Prozent wünschten sich, dass die Arbeit mit dem Privatleben vereinbar ist. Für 89 Prozent ist dazu selbstständiges Arbeiten wichtig. 61 Prozent wünschten sich ein hohes Einkommen. (Vgl. Badura et al. 2018)

 

Durch diese Untersuchung wird besonders deutlich, dass die psychischen Bedürfnisse nach Sicherheit, nach Sinnempfinden, nach Vereinbarkeit und Selbstorganisation, den Befragten wichtiger ist, als das hohe Einkommen. Die Erfüllung psychischer Bedürfnisse spielt damit eine übergeordnete Rolle. 

 

Weiter zeigt die Studie, dass die Fehlzeiten sinken, wenn die psychischen Bedürfnisse erfüllt werden. Leider werden diese Bedürfnisse jedoch in seltenen Fällen am Arbeitsplatz berücksichtigt. Es herrscht also ein große Diskrepanz zwischen Wunsch und Realität. (Vgl. ebd.)

Was heißt das jetzt für unsere Coaching-Praxis?

Was bedeuten diese Ergebnisse und das Konzept Neuer Arbeit jetzt für uns und unsere eigene Coaching-Praxis? Sicher ist, an den Auswirkungen von Arbeit auf den Menschen kommen wir nicht vorbei. Wir können nun lediglich überlegen, wie wir damit umgehen wollen.

Haltung

Ganz eindeutig steckt hier eine Entscheidung für uns mit drin. Und zwar die Entscheidung, wie wir uns zu diesem Thema positionieren wollen. Welche Haltung wollen wir einnehmen? Wollen wir mit unseren Angeboten Menschen darin unterstützen, sich gegebenen Arbeitsstrukturen anzupassen? Oder wollen auch wir ihre psychischen Bedürfnisse in den Mittelpunkt unserer Arbeit stellen.

 

Ein Stück weit ist dies sicherlich eine Polarisierung. Auf der einen Seite die Anpassung des Menschen und auf der anderen Seite seine Verwirklichung durch die Förderung seiner Bedürfnisse. Auch wenn diametrale Konstrukte unsere Weltsicht stark begrenzen, letztendlich kommt es darauf an, von welcher Seite wir in unserer Arbeit ansetzen wollen.

 

Im Coaching können wir uns entscheiden, ob wie mit der belasteten Führungskraft an Coping-Strategien arbeiten wollen, damit sie es schafft, die Arbeit weiterhin durchzustehen. Oder ob wir uns zutrauen wollen, einen Schritt weiterzufragen. Nach den Möglichkeiten, die außerhalb des bestehenden Arbeitskontextes liegen und  - um Bergmann noch einmal aufzuführen - nach möglichen Tätigkeiten, die unser Gegenüber wirklich, wirklich tun will. Anstelle der Anpassung rücken dann ganz andere Beratungsthemen in den Fokus.

Beratungsthemen Neuer Arbeit

Wenn wir die psychischen Bedürfnisse des Menschen in den Mittelpunkt unserer Arbeit stellen, dann spiegelt sich dies in unseren Beratungsthemen wider. Denn die Themen unserer Beratung orientieren sich dann daran, die menschlichen Bedürfnisse bestmöglich zu berücksichtigen und ebenso zu fördern.

 

Im Coaching würde es anstelle von Anpassungsleistungen um Themen wie Beruf und Berufung gehen und um die Frage nach dem Sinnerleben. Ist unser Gegenüber überhaupt noch glücklich mit seiner Arbeit? Passt die Arbeit, die ausgeführt wird, überhaupt noch zu den Bedürfnissen des Coachees? Wie müsste sie geschaffen sein? Und welche Schritte könnte er gehen, um der gewünschten Tätigkeit näher zu kommen? Sicherlich geraten wir bei solchen Themen im Coaching auch an die kritischen Stimmen unseres Gegenübers. An seine erdachten Begrenzungen. Die Arbeit an limitierenden Glaubenssätzen und an der Biografie, spielen beim Thema Beruf daher auch eine ausschlaggebende Rolle. 

 

In der Teamentwicklung wäre dies kaum anders. Wenn wir die Arbeit vom Menschen aus denken und seine Bedürfnisse berücksichtigen wollen, dann würden wir organisationale Strukturen und Prozesse gemeinsam mit den Mitarbeitenden schaffen. Bei anstehenden Veränderungsprozessen würden wir also nicht mit Steuerungsgruppen oder Führungsgremien arbeiten, sondern mit allen Mitarbeitenden gemeinsam. Hier kämen Groß-Gruppen-Methoden zum Einsatz, wie Barcamps, World-Cafés o.ä. Und auch hier würden wir, bevor wie uns überhaupt Gedanken über neue Strukturen und Prozesse machen, an den Bedürfnissen der Mitarbeitenden ansetzen. Wie wollen die Mitarbeitenden in Zukunft miteinander arbeiten? Was ist ihnen in ihrer gemeinsamen Zusammenarbeit wichtig? Welche Änderungen wollen sie vornehmen, um sich wohl zu fühlen? Und worin sehen sie (nicht wir!) ihren ersten Schritt der Umsetzung?

 

Mein persönliches Steckenpferd hierbei ist die Visionsarbeit. Eine zentrale Frage ist in diesem Zusammenhang: Wie arbeiten wir in 5 Jahren? Dabei wird die positivste Zukunftsvorstellung erdacht. Genau durch diese Frage entstehen ganz besondere Zukunftsbilder, die unglaublich viel Auskunft über die Bedürfnisse der Mitarbeitenden geben und über ihre Wünsche nach Selbstbestimmung, Partizipation, Sinn und Vereinbarkeit. Und wenn diese beschrieben worden sind, dann lässt sich auch ein guter Ansatzpunkt für strukturelle Veränderungen finden.

 

Aber: Natürlich können wir auch weitere Formate und Schwerpunktthemen wählen, die einen Austausch über die Bedürfnisse der Mitarbeitenden möglich machen. 

Wie du Konzepte Neuer Arbeit in deine Praxis integrierst

Fassen wir einmal zusammen, wie du Konzepte Neuer Arbeit auch in deine Coaching-Praxis integrieren kannst:

  1. Haltung: Zu Beginn steht erst einmal die Frage: Wofür stehst du? Was ist dir selbst wichtig in deiner Arbeit? Geht es dir um Anpassung oder stellst du die Bedürfnisse des Menschen in den Mittelpunkt deiner Arbeit? 
  2. Themen: Schaue darauf, welche Themen du im Coaching und in der Teamentwicklung bedienst. Welche Themen sind bereits in deinem Repertoire, die zu den Konzepten Neuer Arbeit passen? Vielleicht arbeitest du bereits zu den Themen Sinn, Beruf und Berufung, Visionen, Selbstverwirklichung. Frage dich, wie du diese Themenfelder in deinen Angeboten noch weiter ausbauen kannst. 
  3. Formate: Wenn du Konzepte Neuer Arbeit auch in deine Teamentwicklungsprozesse integrieren magst, achte darauf, dass mit allen Mitarbeitenden neue Strukturen und Prozesse erdacht werden. Beginne bei den Bedürfnissen der Mitarbeitenden und lass hierbei Groß-Gruppen-Methoden zum Einsatz kommen. So schaffst du bereits mit deinem Format die Möglichkeit zur Partizipation. 

Zum Schluss

Natürlich würde ich dich jetzt gerne fragen können, wie du zu Neuer Arbeit stehst und ob du bereits Themen Neuer Arbeit in deine Praxis integriert hast. Schreibe doch gerne was dazu in die Kommentare. Oder erzähle es mir beim nächsten Live-Webinar. 

 

Wenn du  mit mir noch tiefer in die Thematik eintauchen magst und du die nächste Live-Session nicht verpassen willst, dann melde dich gerne <<hier>> zum Newsletter an. Du wirst dann rechtzeitig informiert. 

 

Bis wir uns wieder hören (oder sehen): Hab eine gute Zeit! 

Christine


Literatur


Badura, B./Ducki, A./Schröder, H./Klose, J./Meyer, M. (Hrsg.): Fehlzeiten-Report 2018. Sinn erleben - Arbeit und Gesundheit. Heidelberg: Springer Verlag.

 

Bergmann, F. (2004): Neue Arbeit, neue Kultur. Freiburg im Breisgau: Arbor Verlag.

Techniker Krankenkasse (2020): Zeitarbeit : Chance oder Risiko? Arbeitssituation und Gesundheit von Zeitarbeitern.

 

Väth, M. (2016): Arbeit - Die schönste Nebensache der Welt. Wie New Work unsere Arbeitswelt revolutioniert. Offenbach: Gabal Verlag.


Christine Neumann

Hi, ich bin Christine Neumann 

systemische Supervisorin und Coachin, Host des Podcasts Die Vision führt uns an!, leidenschaftliche Visionärin und New Workerin. In den sozialen Medien findest du mich bei instagram: @visionscoachin und facebook: @visionscoachin



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